„Die im Schatten sieht man nicht“. Wie sich die (Un)Sichtbarkeit von systemrelevanter Arbeit auf Arbeits-bedingungen und sozialen Status auswirkt.

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Pressemitteilung
21. Juni 2021

 

„Die im Schatten sieht man nicht“.
Wie sich die (Un)Sichtbarkeit von systemrelevanter Arbeit auf Arbeitsbedingungen und sozialen Status auswirkt.

Arbeiten, die gesellschaftlich kaum wahrgenommen werden, haben gravierende negative Auswirkungen für die dort Beschäftigten. Dies betrifft insbesondere Teile der systemrelevanten Arbeiten in der Daseinsvorsorge. Aus Anlass des internationalen Tages der Daseinsvorsorge am 23. Juni weisen renommierte Wissenschafterinnen in einer Aussendung von Diskurs. Das Wissenschaftsnetz auf der Grundlage von Forschungsergebnissen auf diesen in der Öffentlichkeit häufig vernachlässigten Umstand hin.

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Am 23. Juni  steht die Arbeit in der Daseinsvorsorge im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass nicht allen Arbeiten in unserer Gesellschaft der gleiche Stellenwert zukommt. Ob Tätigkeiten von der Gesellschaft wahrgenommen und anerkannt werden, spielt eine wesentliche Rolle dafür, wie diese Arbeiten bezahlt werden, unter welchen Arbeitsbedingungen sie ausgeführt werden und wie es um den Selbstwert der dort arbeitenden Menschen bestellt ist. Dies legen jedenfalls wissenschaftliche Befunde nahe. Ob Arbeiten gesell­schaftlich sichtbar oder unsichtbar sind, hat allerdings wenig damit zu tun, welche Bedeutung ihnen für ein möglichst reibungsloses Funktionieren unseres Alltags­lebens, unserer Gesellschaft, zukommt. Die Wissenschafterinnen, die hier zu Wort kommen, machen auf Faktoren und Pro­zesse aufmerksam, die dazu führen, dass Arbeiten bzw. Teile von Tätigkeiten unsichtbar gemacht werden und zeigen auf, welche Gruppen arbeitender Menschen davon besonders betroffen sind. Sie beziehen sich dabei auch auf Entwicklungen, die erst in der und durch die Corona-Krise hervorgerufen bzw. verstärkt wurden.

Wie Kompetenzen „natürlich“ abgewertet werden – die Elementarpädagogik

Unsichtbar bleiben aber oft die Fähigkeiten von Beschäftigten, insbesondere in typischen Frauenberufen wie der Kindergartenpädagogik. „Hier ist eine klare Ten­denz erkennbar: je jünger die Kinder, desto geringer die Ausbildung, die für die elemen­tarpädagogische Arbeit verlangt wird. Österreich ist eines der wenigen euro­päischen Länder ohne akademische Ausbildung von Elementarpädagog*innen“, erklärt Julia Seyss-Inquart, Professorin an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Graz. Beides verweist darauf, dass fachliche Kenntnisse und Fertigkeiten von Frauen nicht ihrer Ausbildung, sondern ihren scheinbar natürlichen Fähigkeiten zugeschrie­ben werden. Entsprechend weniger werden diese als Kompetenz gewertet, die es auch angemessen zu entlohnen gilt. Gerade die Covid19-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig elementarpädagogische Einrichtungen sind, wie schnell diese aber auch auf ihren Betreuungsauftrag reduziert werden. „Von der Bildungsarbeit der Pädagog*innen war plötzlich keine Rede mehr und der Schutz vor Ansteckung der Beschäftig­ten ist nach wie vor ein heikles Thema“, betont Seyss-Inquart.

Arbeit im Verborgenen des Privathaushalts – die 24-Stunden-Betreuung

In Österreich arbeiten und leben vor allem Migrantinnen aus Mittel- und Osteuropa in der 24-Stunden-Betreuung im Haushalt der Betreuten. Was sie arbeiten und leisten, ist – ebenso wie die Betreuungsarbeit von Angehörigen – wenig sichtbar. Zwar haben die Betreuungskräfte in der Pandemie neue öffentliche Aufmerksamkeit erlangt, als Sonderzüge und -flüge, Boni, Quarantänevorrichtungen u.a.m. die „systemrelevante“ Tätigkeit aufrechterhalten sollten. „Wie sich ihre Arbeit verändert hat, hat sich jedoch im Verborgenen abgespielt“, so Brigitte Aulenbacher von der Johannes Kepler Universität Linz, die die vom FWF geförderte Untersuchung „Gute Sorgearbeit? Transnationale Home Care Arrangement“ leitet. So sagt eine Befragte über Betreuerinnen: „(…), wo die gesagt haben: ‚Nein, ich KANN diesen pflegebedürftigen Menschen nicht alleine lassen, ich muss dann hier bleiben.‘ So sind die wirklich auch bis 14, 16 Wochen hiergeblieben (…) Also Ein­käufe haben dann die Angehörigen im Großteil übernommen und so Erledigungen. Oder vor allem da (…), wo die Betreuerin früher (…) Möglichkeit gehabt hat, ein biss­chen rauszugehen, abzuschalten, das gab’s nicht mehr, ja. Also die waren wirklich eingesperrt (…).“ Zugleich mussten die Betreuerinnen diejenigen Arbeiten neu organisie­ren, die sie ansonsten – in Österreich unsichtbar – in ihren Heimatländern erledigt haben. „Inwieweit die pandemiebedingte Anerkennung nur symbolisch und von kurzer Dauer ist oder ob sich ein Gelegenheitsfenster öffnet, neu über diese Arbeit nachzudenken, ist eine offene Frage“, so die Soziologin. Ansatzpunkte gäbe es.

Geteilte Arbeit am Rand – die Reinigungskräfte

Unsichtbar ist Arbeit naturgemäß dort, wo sie zeitlich oder räumlich getrennt ist. Die Reinigung in Bürogebäuden findet beispielsweise an den Tagesrandzeiten statt und ist damit oft unsichtbar. „Reinigungskräfte haben häufig geteilte Dienste. Das heißt, sie arbeiten einige Stunden am frühen Morgen und einige Stunden nach Büro­schluss. Das hat schwerwiegende Folgen für die Lebensqualität und das Sozial- und Familienleben der Beschäftigten“, weiß Karin Sardadvar von der Wirtschaftsuniversi­tät Wien. „Die in der Büroreinigung üblichen Arbeitszeiten an den Tagesrändern schaden aber auch der Wertschätzung von Reinigungsarbeit“, so die Soziologin: „Wenn Reinigungskräfte isoliert abseits der Bürozeiten arbeiten und von den Beschäftig­ten des Kundenunternehmens nicht gesehen werden, sind das denkbar schlechte Voraussetzungen für eine verbesserte Anerkennung dieser gesellschaftlich unverzichtbaren Tätigkeit.“ Alternativen dazu sind jedoch möglich, verweist die Arbeits­forscherin Sardadvar auf Norwegen, wo ein weitreichender Übergang zu Tagreinigung gelungen ist. Fehlende Anerkennung war auch im Spiel, als aktuell die anstrengende, systemrelevante Reinigungsarbeit in Krankenhäusern vom 500 Euro Corona-Bonus der Regierung für das Gesundheitspersonal vorerst ausgeschlossen blieb und erst nach Protesten der Gewerkschaften inkludiert wurde. Auf Corona-Stationen muss(te) etwa in vollem Schutzanzug zwei bis dreimal pro Tag gereinigt werden.

Blackbox Betriebe – Wenn bestimmte Arbeitsrealitäten von Medien nicht wahr­genommen werden

Unsichtbarkeit wird aber auch durch Medien hergestellt, wenn beispielweise in Nachrich­tensendungen und Zeitungen überwiegend über die Realitäten von Angestell­ten mit Bürojobs berichtet wird. „In der Krisenkommunikation in der aktu­ellen Pandemie richtete sich der mediale Fokus v.a. auf mit Home-Office verbundene Probleme. Die Arbeitsrealität von Arbeiter*innen in Produktionsbetrieben aber auch von Angestellten in nicht-akademischen Berufen sind jedoch kaum Thema“, so Carina Altreiter von der Wirtschaftsuniversität Wien. Zwar erfuhren einige Tätigkeiten am Anfang der Pandemie vorübergehend eine Aufwertung als systemrelevant, „das war aber mehr einer Sorge über Versorgungsengpässe geschuldet als einem aufrich­tigen Interesse an den oft sehr prekären Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrie­ben oder Verteilerzentren, bei der Essiggurkerl-Ernte oder an der Supermarktkasse“, so Altreiter, „wie es den Beschäftigten in diesen Betrieben unter Corona-Bedin­gungen geht, bleibt weitgehend eine Blackbox.“

Prekarität und Unsichtbarkeit von Arbeit – zwei Seiten einer Medaille

Es ist kein Zufall, dass gerade vulnerable Gruppen am Arbeitsmarkt besonders mit der sozialen Unsichtbarkeit ihrer Arbeit belastet sind: Frauen, Beschäftigte mit Migrations­hintergrund oder formal niedrigen Bildungsabschlüssen. Unsichtbarkeit hat für die Betroffenen konkrete Folgen. Die mangelnde Wertschätzung und Anerken­nung der Bedeutung dieser Tätigkeiten für die Gesellschaft geht vielfach Hand in Hand mit schlechter Entlohnung und prekären Arbeitsbedingungen. Dort wo die Gesell­schaft nicht hinschaut und meist auch die gewerkschaftliche Vertretung fehlt, ist es leicht, diese Bedingungen aufrecht zu erhalten. Dies ist der Tenor, der auf Forschungsergebnissen basierenden Stimmen aus der Wissenschaft, die hier zu Wort kommen. Zwar hat die Covid19-Krise kurzfristig die Sichtbarkeit bestimmter Tätigkei­ten erhöht, diese sind jedoch rasch wieder in Vergessenheit geraten und haben an den realen Arbeitsbedingungen wenig geändert.