Carbon Capture: Lösung für Restemissionen oder Freibrief für die Industrie? (Mediengespräch, 6.11.2026)

Österreich steht vor einer klimapolitischen Weichenstellung: Ein neuer Gesetzesentwurf soll die Abscheidung und geologische Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, CCS) ermöglichen. Doch Carbon Capture and Storage birgt ein klimapolitisches Risiko: Die Aussicht, CO₂ künftig unterirdisch speichern zu können, könnte notwendige Emissionsreduktionen verzögern und emissionsintensive Geschäftsmodelle länger absichern. Ausgerechnet bei der entscheidenden Frage bleibt der Gesetzesentwurf nach Einschätzung von Forschenden vage: Gespeichert werden sollen „unvermeidbare Restemissionen“ – was darunter fällt, wird jedoch nicht klar definiert. Dabei war die Beschränkung auf schwer vermeidbare Emissionen ein zentraler Kompromiss der österreichischen Carbon-Management-Strategie von 2024, der einen uneingeschränkten Zugang zur CO₂-Speicherung verhindern sollte. Nun droht dieser klimapolitische Anspruch bei der gesetzlichen Umsetzung verloren zu gehen. Wer darf künftig CO₂ speichern, wer entscheidet, welche Emissionen tatsächlich unvermeidbar sind – und wie lässt sich verhindern, dass CCS zum Ersatz für konsequenten Klimaschutz wird?

Dieses von Diskurs. Das Wissenschaftsnetz organisierte Mediengespräch beleuchtet die technischen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen der CO₂-Abscheidung und -Speicherung. Tobias Pröll, Professor für Energietechnik und Energiemanagement an der BOKU, erläutert, wo und unter welchen Bedingungen CCS technisch sinnvoll und wirtschaftlich relevant sein kann. Welche Rolle kann die Technologie tatsächlich auf dem Weg zur Klimaneutralität spielen? Und wo werden alternative Ansätze wie die Nutzung von CO₂ zur Herstellung von Treibstoffen oder Kunststoffen als vermeintliche Klimaschutzlösung überschätzt?

Alina Brad und Etienne Schneider, Politikwissenschaftler an der Universität Wien, analysieren, welche klimapolitischen Weichen der Gesetzesentwurf stellt – und welche er offenlässt. Sie zeigen, warum eine klare gesetzliche Definition schwer vermeidbarer Emissionen, verbindliche Kriterien für den Speicherzugang und getrennte Klimaziele für herkömmliche Emissionsminderung, CCS und CO₂-Entnahme notwendig sind. Denn wer CO₂-Speicherung als Lösung in Aussicht stellt, muss auch sicherstellen, dass sie den Klimaschutz ergänzt und nicht ersetzt.

Dabei ist auch die Frage, was als „unvermeidbar“ gilt, politisch: Wie viele Emissionen künftig anfallen, hängt nicht allein von technischen Möglichkeiten ab, sondern ebenso davon, wie viel produziert, gebaut und konsumiert wird. Das Mediengespräch fragt deshalb, wem begrenzte Speicherkapazitäten zugutekommen sollen, welche Verantwortung Industrie und Politik tragen und wie verhindert werden kann, dass CCS ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen ersetzt, statt sie zu ergänzen. Im Zentrum steht damit die politische Richtungsentscheidung, die der österreichische Gesetzesentwurf aufwirft: Schafft Österreich einen klar begrenzten Rahmen für die Speicherung unvermeidbarer Emissionen – oder öffnet es die Tür für eine Klimaschutzstrategie, die auf künftige technische Lösungen setzt, während notwendige Emissionsreduktionen aufgeschoben werden?

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Moderation: Sophie Menasse
Diskurs. Das Wissenschaftsnetz